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AD(H)S mit Erlebnispädagogik begegnen

Vor 20 Jahren hätte wahrscheinlich kaum ein Lehrer gewusst, was AD(H)S bedeutet. Heute gehört die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS), die auch mit Hyperaktivität einhergehen kann (ADHS) zum Schulalltag. Sie ist zur häufigsten psychischen Erkrankung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland geworden (Hüther & Bonney, 2009). Nachdem die Krankheit erst 1985 entdeckt wurde, waren 2009 laut des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGs) 4,8% der Kinder im Alter von 3-17 Jahren diagnostiziert und 4,9% galten als Verdachtsfälle, also fielen insgesamt fast 10% der Kinder und Jugendlichen laut dieser Studie in die Kategorie AD(H)S, Jungen etwa viermal häufiger als Mädchen (Schlack et al., 2007). Zu den Leitsymptomen der Krankheit gehören Unaufmerksamkeit, motorische Unruhe und Impulsivität (Schlack et al., 2007). Leider wird AD(H)S besonders im schulischen Setting zum Problem. Betroffene fallen z.B. durch ständiges Zwischenrufen auf, weil sie den Impuls, ihre Idee äußern zu wollen, nicht kontrollieren können. Sie sind sehr leicht von einer Aufgabe ablenkbar und können ihre Aufmerksamkeit nur schwer auf eine Sache lenken und diese somit oft nicht zu Ende bringen. Häufig leidet auch der Selbstwert, denn sie erleben viele Misserfolge und erfahren Ablehnung von Mitschülern und Lehrern, die sich von ihnen gestört fühlen.

Neurobiologie von AD(H)S

Im menschlichen Gehirn sind verschiedene Regelkreise für die Steuerung von Aufmerksamkeit, motorischer Kontrolle und exekutiver Funktion verantwortlich. Das heißt, unterschiedliche Regionen im Gehirn kommunizieren untereinander mit Hilfe von Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, und beeinflussen z.B. die Aufmerksamkeit. Im menschlichen Gehirn gibt es ca. 60 verschiedene Neurotransmitter (Brüngger, 2011). Die Regionen, die die AD(H)S-Symptomatik beeinflussen, werden hauptsächlich durch Dopamin gesteuert, d.h. in diesen Gehirnarealen wird Dopamin von Nervenzelle zu Nervenzelle übertragen, um Informationen zu übermitteln. „Dopamin wirkt wie ein Scheinwerfer, der unsere Aufmerksamkeit und alles denkbar Angenehme, Erfreuliche und Vergnügliche lenkt und treibt uns voran, vorwärts, hin zur Erreichung unserer Ziele.“ (Brüngger, 2011). Studien weisen darauf hin, dass die Fehlregulierung des Dopamins nicht darauf beruht, dass AD(H)S-Patienten generell zu wenig Dopamin produzieren,  sondern dass es im synaptischen Spalt (der Raum zwischen zwei Nervenzellen) von Dopamintransportern gebunden und abtransportiert wird (Banaschewski et al., 2004).

Ursachen von AD(H)S

Die Wissenschaft ist gespalten darüber, was zu dieser Fehlregulierung von Dopamin führt. Theorien werden sehr kontrovers und auch außerhalb wissenschaftlicher Medien diskutiert. Die konventionelle Theorie besagt, dass AD(H)S eine angeborene Krankheit ist, ein genetischer Defekt, der bewirkt, dass zu viele Dopamintransportproteine produziert werden und den Dopaminspiegel senken. Ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren, wie der genetischen Disposition und fehlenden sozialen Lernerfahrungen, werden von vielen nicht ausgeschlossen (Hüther & Bonney, 2009).

Auf der Basis der Theorie, dass AD(H)S durch einen angeborenen Gendefekt entsteht, werden Psychopharmaka verschrieben, die direkt in den Stoffwechsel des Gehirns eingreifen und den Dopaminspiegel erhöhen können. Methylphenidat ist der Wirkstoff, der am häufigsten verschrieben wird (Bachmann, Philipsen & Hoffmann, 2017). Er blockiert das Dopamintransportersystem, sodass sich der Dopaminspiegel wieder regulieren kann. Der Verbrauch des Wirkstoffs Methylphenidat, der im Medikament Ritalin enthalten ist, stieg von 34 kg im Jahr 1993 auf rund 1.735kg im Jahr 2011, ein Anstieg von über 700 Prozent. Seit einigen Jahren ist die Einnahme von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen wieder rückläufig. Während 2009 über 50% der 15-jährigen AD(H)S-Patienten Methylphenidat einnahmen, waren es 2014 nur noch etwa 40 % (Bachmann et al., 2017). Das bedeutet nicht, dass die Anzahl von Betroffenen gesunken ist, sondern dass sich mehr Patienten gegen Methylphenidat entscheiden.

Möglichkeiten, AD(H)S mit Erlebnispädagogik zu begegnen

Können erlebnispädagogische Programme helfen, den Dopaminspiegel wieder zu regulieren, so wie Methylphenidat es kann?

Die Wirksamkeit von Erlebnispädagogik bei AD(H)S ist auf neurowissenschaftlicher Ebene schwer nachweisbar, da sie sich zumeist in der Natur oder in Sportstätten abspielt, wo keine neurowissenschaftlichen Untersuchungsmethoden zur Verfügung stehen (Brüngger, 2011). Die relativ kleine Wissenschaft der Erlebnispädagogik hat außerdem nicht die finanziellen Möglichkeiten der Pharmaindustrie, um solche aufwendigen Studien durchzuführen. Deshalb beruhen Nachweise hauptsächlich auf Erfahrungsberichten von Erlebnispädagogen und Befragungen von Betroffenen und Eltern.

Erlebnispädagogik wirkt nicht so schnell wie ein Medikament, das direkt in den Gehirnstoffwechsel eingreift, es können sich aber nachhaltige Erfolge zeigen. Methylphenidat unterdrückt die Symptome. Setzt man es ab, lässt die Wirkung sofort nach. Strukturiert sich das Gehirn durch richtige Stimulation um, können sich Symptome nachhaltig verbessern. Richtige Stimulation hört sich einfach an und bedeutet neurobiologisch gesehen, dass „im richtigen Moment“ Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet werden, die Gefühle wie Erleichterung, Glück oder Zufriedenheit auslösen. Dopamin und Endorphine sind Botenstoffe, die diese Gefühle auslösen können. AD(H)S-Patienten empfinden Erleichterung, wenn sie z.B. andere unterbrechen und ihre Gedanken sofort äußern. Dadurch sind sie „in einem neurobiologischem Teufelskreis, denn Stimulation weckt das Verlangen nach Stimulation.“ (Hüther & Bonney, 2009). Sie werden immer wieder einfach sprechen, wenn sie diesen Impuls spüren, denn dabei empfinden sie Erleichterung. Erlebnispädagogik bietet Chancen, diesen Teufelskreis durch Erfolgserlebnisse aufzubrechen.

AD(H)S-Patienten müssen vor allem lernen, dass es positiv ist, sich länger mit einer Sache zu beschäftigen, oder dass es ein Erfolg ist, einen Impuls zu unterdrücken, um einen späteren, größeren Erfolg zu erzielen und noch mehr Zufriedenheit zu empfinden. Ihr körpereigenes Belohnungssystem muss sich umstrukturieren (Hüther & Bonney, 2009). Um ihnen die Möglichkeit zu geben, Zufriedenheit zu empfinden, nachdem sie eine Aufgabe bewältigt haben, muss man Ihnen Aufgaben bieten, die sie auch bewältigen können.  Erlebnispädagogik bietet die Möglichkeit, Aufgaben individuell anzupassen. Schule hingegen passt sich nicht an, die Aufgaben werden schwerer, komplexer, Konzentrationsphasen immer länger. In der Schule ist es nicht wahrscheinlich, dass in Gehirnen von Betroffenen an richtiger Stelle belohnende Botenstoffe ausgeschüttet werden, weil sie zu selten Erfolge erleben und diese ihnen auch nicht direkt rückgemeldet werden.  Es ist schwer für AD(H)S-Patienten, wieder eine positive Selbstwahrnehmung aufzubauen in einem System, in dem sie scheinbar ständig versagen.

Erlebnispädagogik kann auch während der Einnahme von Psychopharmaka sinnvoll sein, denn Ziel ist es, den Zustand der Aufmerksamkeit und der Impulsunterdrückung als positiv zu erleben. Erlebnispädagogische Programme fördern die Selbstwahrnehmung. Der Fokus wird durch die Trainer darauf gelenkt, wie es sich anfühlt, sich konzentrieren zu können und wie Betroffene diesen Zustand mit einem positiven Gefühl verknüpfen können.

Wie kann beispielhaft eine erlebnispädagogische Aufgabe aussehen? Um zu üben, einen Impuls zu unterdrücken, kann es Aufgabe sein, nicht von der Kletterwand herunterzuspringen, sobald man eine Route erfolgreich gemeistert hat und nicht sofort dem Impuls nachzugehen, sich selbst zu feiern, sondern auch noch herunterzuklettern und dann erst mit sich zufrieden zu sein. Dazu bietet der erlebnispädagogische Trainer auch Anreize für den erfolgreichen Abstieg, z.B. eine Schatzsuche (Veser, Bady & Wiesner, 2009). Der Trainer unterstützt durch positive verbale Rückmeldung die Impulsunterdrückung und lenkt die Wahrnehmung, sodass der Kletternde seine Bewegungen und seinen Erfolg bewusst wahrnehmen kann (Veser et al., 2009).

Das Setting in der Natur hat den Nachteil, dass neurowissenschaftliche Überwachung schwierig ist, aber dafür stören weniger Reize dabei, Aufgaben zu lösen. Betroffene müssen weniger Reize ausblenden und können sich besser auf sich konzentrieren. Kritiker der Erlebnispädagogik greifen genau hier an, indem sie deutlich machen, dass Kinder mit AD(H)S in der Natur oder beim Sport generell weniger Symptome zeigen und ein Aufenthalt auf einer Alm ihnen in der Schule nicht weiterhelfen wird. In erlebnispädagogischer Betreuung befinden sich die Kinder nicht einfach nur in der Natur, sondern sie werden durch Trainer, wie beschrieben, unterstützt und lernen, dass es sich gut anfühlen kann, einen Impuls zu unterdrücken. Sie gehen im besten Fall mit einer positiveren Selbstwahrnehmung zurück in die Schule, weil sie erfahren haben, dass sie in der Lage sind, Aufgaben zu planen und erfolgreich durchzuführen. Viele Erlebnispädagogen haben die Erfahrung gemacht, dass AD(H)S-Patienten während des Programms Medikamente abgesetzt haben oder die Dosis anschließend reduzieren konnten (Brüngger, 2011; Hüther & Bonney, 2009). Erlebnispädagogik bietet die Chance, dass Betroffenen, mit oder ohne zusätzliche pharmakologische Therapie, geholfen und ihre Lebensqualität im Alltag verbessert werden kann.

Autorin

Amelie Neumann

Quellen

Hüther, G. & Bonney, H. (2009). Neues vom Zappelphilipp – ADS: verstehen, vorbeugen und behandeln (9. Auflage). Düsseldorf: Patmos Verlag.

Banaschewski, T., Roessner, V., Uebel, H. & Rothenberger, A. (2004). Neurobiologie der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Kindheit und Entwicklung 13 (3), 137-147.

Brüngger, S. (2011). Erlebnispädagogik und Dopamin – neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die Erlebnispädagogische Praxis. Diplomarbeit, Luzern: CURVIVA / planoalto.

Schlack, R., Hölling, H., Kurth, B.-M. & Huss, M. (2007). Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 50 (5/6), 827-835.

Bachmann, C. J., Philipsen, A. & Hoffmann, F. (2017). ADHS in Deutschland: Trends in Diagnose und medikamentöser Therapie – Bundesweite Auswertung von Krankenkassendaten der Jahre 2009-2014 zur Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Deutsches Ärzteblatt 114 (9), 141-148.

Veser, S., Bady, M. & Wiesner, M. (2009). Therapeutisches Klettern bei Kindern mit ADHS – Konzentriert durch Klettern. ergopraxis 2 (4), 18-21.